Filmvorführung „Im Prinzip Familie“ mit anschließender Podiumsdiskussion

Im November fand im Club-Kino Glauchau e.V. eine besondere Veranstaltung, initiiert durch das Jugendhilfezentrum Wendepunkt Bad Köstritz, statt. Rund 45 Gäste aus verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe sowie aus dem gesellschaftlichen Umfeld kamen zusammen, um gemeinsam den Dokumentarfilm „Im Prinzip Familie“ zu sehen. Der Film begleitet den Alltag in einer Wohngruppe über ein Jahr hinweg und zeigt eindrucksvoll, wie herausfordernd, verantwortungsvoll und bedeutsam die Arbeit mit jungen Menschen ist.

Die anschließende Gesprächsrunde wurde mit viel Herz von der Fachreferentin für Beteiligung und Selbstvertretung moderiert. Auf dem Podium haben neben jungen Menschen aus aktuellen und ehemaligen Hilfen sowie aus dem Landesheimbeirat, eine Vertreterin des Landesjugendamtes (TMSGAF), der Geschäftsführer eines Jenaer Jugendhilfeträgers, die Erzieherin und Teamleiterin einer Wohngruppe des WENDEPUNKT e.V. sowie die Enkelin des Pfarrers Werner Sylten, die heute im Jugendstrafvollzug tätig ist, Platz genommen.

Diese Mischung aus Fachlichkeit, persönlicher Geschichte und gelebter Erfahrung prägte den Austausch und verlieh dem Vormittag eine besondere Tiefe. Vor allem die jungen Menschen beeindruckten mit ihrer Offenheit, Direktheit und Authentizität. Ihre Beiträge machten spürbar, wie wichtig echte Beteiligung, Verlässlichkeit und gelebte Beziehung im Alltag der Hilfen zur Erziehung sind und welche Wirkung es entfaltet, wenn junge Menschen ernst genommen und gehört werden.

Die Gesprächsrunde griff viele der Themen auf, die der Film sichtbar gemacht hatte: die Bedeutung verlässlicher Bindungen, der Balanceakt zwischen Nähe und professioneller Distanz, die strukturellen Herausforderungen im System der Jugendhilfe und die Frage, wie es gelingen kann, den Blick auf die Kinder und Jugendlichen nicht zu verlieren, selbst wenn Rahmenbedingungen eng werden. Gleichzeitig wurde deutlich, wie viel Engagement, Herz und Belastbarkeit in der täglichen Arbeit steckt und wie wenig davon im öffentlichen Diskurs sichtbar ist.

Bedauerlich war, dass sowohl Vertreter des Jugendamt Greiz als auch der Landrat ihre Teilnahme aufgrund von terminlichen Verpflichtungen und der aktuellen Haushaltssperre absagen mussten. Gerade im Hinblick auf die Bedeutung des Themas wäre ein persönlicher Austausch wertvoll gewesen. In öffentlichen Stellungnahmen wird regelmäßig hervorgehoben, wie hoch die Sozialausgaben des Landkreises auch im Bereich der Jugendhilfe ausfallen. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz, denn die Arbeit mit jungen Menschen lässt sich nicht allein anhand von Kosten bewerten. Sie verlangt Einfühlsamkeit, Verlässlichkeit und ein Bewusstsein dafür, dass jeder Euro in diesem Bereich eine Investition in Stabilität, Chancen und Zukunft der jungen Menschen darstellt.

Auch wenn eine Teilnahme an der Veranstaltung nicht möglich war, möchten wir die Einladung an den Landrat gern erneuern. Ein Besuch in unseren Einrichtungen ermöglicht einen unmittelbaren Eindruck davon, wie lebendig, vielschichtig und bedeutsam die Arbeit mit jungen Menschen ist. Solche Einblicke lassen spüren, was hinter den Zahlen steht und warum eine verlässliche Jugendhilfe für die Entwicklung eines Landkreises unverzichtbar ist. Wir würden uns sehr freuen, diesen Blick in unseren Alltag zu ermöglichen.

Der Wunsch aus dem Kreis der Teilnehmenden jedenfalls war deutlich: Der Spirit dieses Films und des gemeinsamen Austauschs soll weitergetragen werden, in die Einrichtungen, in die Gremien, in die Öffentlichkeit. Wer die Möglichkeit hat, „Im Prinzip Familie“ zu sehen, sollte sie unbedingt nutzen. Der Film vermittelt ein Gefühl dafür, was hinter Türen, Dienstplänen und Strukturen oft unsichtbar bleibt, und erinnert daran, wie wichtig Beziehung, Zuwendung und echtes Interesse an jungen Menschen sind. Denn … „Die Welt braucht viel, viel Liebe.“ -Werner Sylten

Thomas Uecker | JHZ Bad Köstritz